Christlicher Fundamentalismus

Mindestens 76 Menschen starben bei dem Massenmord auf der Insel Utøya und in Oslo. Wir sind entsetzt über diese abscheuliche Tat und trauern mit den Hinterbliebenen!

Was für uns und viele andere aber nicht nachvollziehbar ist: Der mutmaßliche Täter Anders Breivik wurde in der Presse mehrmals als christlicher Fundamentalist bezeichnet.

Robert Ziegler, Vize-Chefredakteur des ORF Niederösterreich, bat „Kolleginnen und Kollegen“ per Rundmail, den Attentäter von Norwegen nicht als „christlichen Fundamentalisten“ zu bezeichnen [1].

Reinhard Hempelmann, der als Fundamentalismus-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen gilt, meint ebenfalls, dass die Bezeichnung „christlicher Fundamentalist“ im Zusammenhang mit dem Attentäter von Oslo irreführend sei. Er könne in dem veröffentlichten „Pamphlet“ des Attentäters keine Charakteristika erkennen, die auf religiösen Fundamentalismus hindeuteten [2].

Neben den Herren Ziegler und Hempelmann fragen sich natürlich auch andere Christen, was denn dieser Terrorakt bzw. der Attentäter mit „christlich fundamentalen“ Elementen gemeinsam haben soll.

So macht sich der leise Verdacht breit, dass – nachdem in der Vergangenheit bereits eine Gedankenverknüpfung zwischen „Fundamentalist“ und „Gewalttäter“ hergestellt wurde, jetzt die Gedankenverknüpfung zwischen „unerwünschten Züge des christlichen Glaubens“ und „Fundamentalismus“ hergestellt werden soll, und zwar mit dem Ziel, die unerwünschten Züge des christlichen Glaubens endgültig auszurotten.

Um welche Züge des christlichen Glaubens es sich dabei konkret handelt, kann man mittlerweile in ersten Erklärungsversuchen des Begriffs „christlicher Fundamentalismus“ lesen:

Wikipedia (Stand: 27.07.11) bezeichnet als christlichen Fundamentalismus, die

• Ablehnung von außerehelichem Geschlechtsverkehr
• Ablehnung von Homosexualität
• Ablehnung der Evolutionstheorie
• Ablehnung aller Formen von moderner Theologie
• Ablehnung der historisch-kritischen Methode der Bibelkritik
• Ablehnung der Zusammenarbeit mit der Ökumenischen Bewegung

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Christlicher_Fundamentalismus

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen weist darauf hin, dass sich christlicher Fundamentalismus in der Ablehnung bestimmter Strömungen und Lehren äußert, namentlich:

• gegen den Feminismus
• gegen die Evolutionslehre
• gegen den Pluralismus
• gegen die historisch-kritische Bibelauslegung

Weiters heißt es dort, dass ein herkömmlicher Sprachgebrauch mit „christlich-fundamentalistisch“ denjenigen Bereich protestantischer Frömmigkeit bezeichnen würde, der hinsichtlich des Bibelverständnisses festhalte an

• der Verbalinspirationslehre
• dem Glauben an die Unfehlbarkeit und absolute Irrtumslosigkeit der Aussagen der Bibel

Quelle: http://www.ekd.de/ezw/42787_42604.php

Die Ablehnung gewisser Lehren und Strömungen, und der Glaube an das was die Bibel lehrt, mag einen Menschen zu einem christlichen Fundamentalisten machen, aber es macht ihn nicht gleichzeitig zu jemanden, vor dem man die übrigen Bürger warnen und sich in Acht nehmen muss. Dazu müsste der Glaube gepaart sein mit einer bestimmten politischen Gesinnung, und vor allem mit dem Willen, Überzeugungen auch gewalttätig durchsetzen zu wollen. Doch dann wäre so jemand kein christlicher Fundamentalist mehr, denn dies widerspräche diametral den Aussagen Christi! Siehe zum Beispiel:

Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18,36),
Die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen“ (Matthäus 26,52),
Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen“ (Matthäus 5,44),
Selig sind die Friedfertigen, die Barmherzigen, die Sanftmütigen“ (Matthäus 5,1-11).

Darauf wird kaum hingewiesen, und wenn, so scheinen vor allem diejenigen darüber hinweg zu sehen, die nun die Christen vor die Entscheidung stellen möchten: Entweder ihr lasst die heute nicht mehr akzeptablen Züge des christlichen Glaubens fahren, oder aber wir werfen euch den Mantel des Fundamentalismus über und stellen euch neben den Islamisten als das „christliche“ Schreckgespenst auf!

Man möchte glauben, dass solche Forderungen ausschließlich aus dem Lager derer kommen, die nichts mit dem Christentum zu tun haben. Weit gefehlt! Es waren damals die Frommen (Pharisäer und Schriftgelehrte), die Jesus verfolgten und dafür sorgten, dass er verhaftet und entsprechend „bestraft“ wurde, und es sind heute wiederum die Frommen (Kirchenleiter sowie Artikel- u. Erklärungsverfasser), die jetzt vor christlichem Fundamentalismus warnen ([3] [4] [5] ), offensichtlich um nun auch die unerwünschten Züge der Lehre Christi abzustrafen!

Nachfolgend noch ein Link zu einem 6-teiligen, erschütternden Video, über Christen im Iran. Jemand hatte mir den Link letzte Woche geschickt, und ich möchte das 6-teilige Video gerne weiterempfehlen, da es gut zeigt, wie sich ein sogenanntes fundamentales Christentum wirklich äußert und wohin es führt.

Teil 1 von 6
Teil 2 von 6
Teil 3 von 6
Teil 4 von 6
Teil 5 von 6
Teil 6 von 6

Über Kommentare zu diesem Video und zum Thema „Christlicher Fundamentalismus“ würden wir uns freuen!

Kurt Becker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*